Dr. Seltsam

dies und das


Stefan Dr. Seltsam
Dr. Seltsam Außenaufnahme

BOHEI PORTRÄT//

"Was mir fehlt, ist die Freiheit"

An der Ecke Karl-Heine Straße/Merseburger, leicht verborgen hinter Baugerüsten, ist das Dr.Seltsam. Die alternative Kneipe ist seit 12 Jahren eine feste Institution des Leipziger Westens und wird als Überbleibsel der Aufbaujahre des Viertels geschätzt.

Dr. Seltsams aktueller Betreiber heißt Stefan. Der junge Leipziger führte früher den Fahrradladen "Wo bleibt mein Fahrrad. Unfreundlich – Inkompetent – Viel zu teuer" um die Ecke.
Ende 2017 übernimmt er die Bar von ihren Vorbesitzern. Stefan ist Teil der großen Veränderungen des letzten 10 Jahre und beobachtet sie sehr kritisch:

„Wenn Stadtentwicklung 10€ kalt bedeutet. Oder wenn es bedeutet, dass Kunst und Kultur dem Kommerz und Konsum weichen. Wenn es bedeutet, dass die, die am Rand der Gesellschaft stehen, auch am Rand der Stadt leben, dann hat Leipzig alles richtig gemacht.“

Er ist sauer über die Entwicklungen seines Viertel und vermisst die alten Zeiten.
Plagwitz werde immer touristischer und die Bevölkerung wechsele sich komplett aus. Die Hipster und Hippies, die den Kiez zu dem gemacht haben, für das er heute geschätzt wird, wurden verdrängt und besiedeln jetzt Lindenau und die Eisenbahnstraße. Dort steigen dadurch nun auch die Mieten, was die vorherigen Anwohner*innen verdränge. Und in ein paar Jahren ziehen andere nach, die im neuen hippen Viertel wohnen wollen, sagt Stefan. Er wirkt resigniert und fragt sich, wie man das hätte verhindern können. „Vielleicht ist man auch selbst schuld. Man hätte vor 10 Jahren einfach selbst was kaufen sollen. Nun ist es zu spät.“, schiebt er ein. Was ihm besonders fehlt, sei die Freiheit, die es früher in Plagwitz gab. Früher gab es so viel Freiraum. Die Stadt und ihre Ordnungshüter interessierten sich nicht für das Viertel und guckten auch nicht so genau hin. „Die Leute konnten machen, was sie wollten. Jetzt bei den hohen Mieten muss sich jeder genau überlegen, ob der nächste Schritt auch rentabel genug ist. Da sterben Freiheit und Subkultur natürlich langsam.“
Ans Wegziehen habe Stefan schon oft gedacht, räumt er ein. Aber nicht weil, er möchte, sondern weil es bald auch für ihn und das Dr. Seltsam zu teuer wird:

„Spätestens wenn hier der Mietvertrag ausläuft, wird sich die Miete nochmal wesentlich erhöhen. Und dann ist hier für mich leider auch Sense.“

29.05.2018, Quelle: www.facebook.com/boulevardheine